Theodor Gülcher (1743-1806), Mitglied der Firma Gülcher & Söhne, Bankiers und Kaufleute zu Amsterdam, gebührt ein längeres Kapitel in dieser Familienchronik. Theodor Gülcher wurde am 18.September 1743 in Urdenbach am Rhein geboren. Sein Vater Conrad Theodor Gülcher (1708-1758) war Pastor in Mühlheim und sein Großvater Conrad Prediger in Gemarke (Englische Kollekte). Theodors älterer Bruder Jakob wurde ebenfalls Pastor. Mit ihm beginnt die Reihe der liberalen Pastoren in Eupen.

1758, als Theodor gerade 15 Jahre alt war, starb sein Vater und drei Jahre später im Jahre 1761 auch seine Mutter.

Nur wenige, die sich mit der Geschichte ihrer Vorfahren auseinandersetzen, werden das große Glück haben aus reichem Material schöpfen zu können. Nahezu keiner wird jedoch in den alten Bibliotheken eine Schrift finden, in denen ein großer Zeitgenosse über einen ihrer Vorfahren einen Bericht gibt. Und dies, obwohl es sich bei Theodor Gülcher um keinen Adeligen, Klerikalen oder Politiker handelt – was nicht heißen soll, daß dieser Mann nichts zu Adel, Klerus oder der damaligen Politik zu sagen gehabt hätte. Wahrscheinlich lag gerade darin sein Vorteil, eben keiner dieser Gruppen anzugehören.

Über Theodors Jugend wissen wir leider nichts, und so läßt sich auch schlecht rekonstruieren, was Theodor dazu bewogen hat, nach Amsterdam zu gehen. Vielleicht spielte aber der Umstand eine Rolle, daß Theodor schon früh seine Eltern verloren hatte, und aus diesem Grund zu einem Bekannten oder Verwandten nach Amsterdam geschickt wurde. Theodors zweiter Sohn, Johann Wilhelm von Gülcher wir im Jahr 1816 an den König der Niederlande schreiben, daß seine Familie...

...guter Herkunft aus dem ehemaligen Pfalz-Baiern, seit 50 Jahren als Bankiersin jeder Hinsicht eines der angesehensten Handelshäuser in diese Stadt (Amsterdam) bildet...

Rechnet man von 1816 besagte 50 Jahre zurück, so scheint Theodor schon um die Jahre 1767-1770 in Amsterdam Mitinhaber des Bankiershauses Theodor Gülcher & Mulder gewesen zu sein. Wie es Theodor als Sohn eines rheinischen Pfarrers gelang, so rasch aufzusteigen, wird im nächsten Abschnitt genauer zu untersuchen sein. Interessant liest sich auch Friedrich Nicolais “Wiederlegung” anlässlich Theodors Hochzeit mitJ ohanna Engelina Brügelmann.

Theodor Gülcher hat in Breslau die Bekanntschaft mit Gotthilph Ephraim Lessing gemacht. Während schon die Bekanntschaft mit Lessing höchst interessant ist, ist der Ort des Zusammentreffens der beiden für uns noch weitaus wichtiger. Gotthilph Ephraim Lessing war nämlich nur für einen relativ kurzen Zeitraum in Breslau ansässig. Er wurde im Herbst 1760 zu Gouvernementssekretär des Generals Bogislav Friedrich von Tauentzien (1710-1791) nach Breslau berufen und unterbrach dadurch seine schriftstellerischen Aktivitäten weitestgehend. Lessing blieb bis Mai 1765 in den Diensten des Generals in Breslau  und kehrte erst dann nach Berlin zurück. Theodor muß Lessing also in der Zeit zwischen 1760 bis 1765 in Breslau begegnet sein, also im Alter von gerade eben 17-22 Jahren. Warum Theodor Gülcher in Breslau war, ist nicht bekannt. Bekannt ist hingegen, daß Lessing ein ansehnliches Vermögen hätte erwerben können, wenn er in dieser Zeit weniger Skrupel gehabt hätte. Er erfuhr nämlich als einer der ersten von der vom König angeordneten Münzverschlechterung. General von Tauentzien nutzte die Gelegenheit und schlug die Summe von 150.000 Talern aus diesem Währungsschnitt. Da Theodor in Breslau war und noch dazu den Sekretär des Generals traf, drängt sich einem unweigerlich die Vermutung auf, Theodors Aufstieg könnte irgendwie mit der Sache zu tun haben. 

Theodor hat sein Geld durch Handels- und Geldgeschäfte verdient. Welch Waren gehandelt wurden, kann nicht gesagt werden – ohnehin scheint aber schon bald das Bankgeschäft die Haupteinnahmequelle gewesen zu sein. Amsterdam war seit dem 17. Jahrhundert das Zentrum für den Handel mit festverzinslichen Wertpapieren – den Obligationen. Zahlreiche Königs- und Fürstenhöfe ersuchten die dort ansässigen Bankiers um Anleihen. Die Bankhäuser gewährten bei der Aussicht auf einigen Erfolg und zu entsprechenden Zinssätzen dann die Kredite und suchten ihrerseits nach potentiellen Kunden, die die Geschäfte gegenfinanzierten. Gehandelt wurden die Anleihen an der Amsterdamer Börse, wo sich auch Theodor Gülcher regelmäßig aufgehalten haben wird, um Geschäfte zu tätigen. In den 70er und 80er Jahren des 18. Jahrhunderts muß das Bankhaus Theodor Gülcher & Mulder einen rasanten Aufstieg erlebt haben. Ein Bericht über ein Darlehen aus dem Jahr 1791 über 1.500.000 Goldgulden, daß die Firma Theodor Gülcher & Mulder mit Herrn van Hoorn zusammen dem Fürsten Lubomirski gewährten, verdeutlicht in welchen Größenordnungen sich die Geschäfte der Firma damals bereits bewegten. Um welch gewaltige Summe es sich bei 1.500.000 Goldgulden handelt, zeigen die Hypotheken, welch der Fürst dafür in Kauf nehmen mußte – einige Städte und etliche Dörfer. Ein “gewöhnlicher” Amsterdamer Bürger verdiente zu dieser Zeit etwa 500 Gulden im Jahr!

Die Herengracht war über drei Jahrhunderte die Adresse der vornehmsten Amsterdamer Bürger – auf ihr wohnte alles, was Rang und Namen hatte. Im Jahr 1800 taucht hier auch Theodors Name zum ersten Mal in den Listen der Eigentümer und Bewohner der Häuser auf der Herengracht auf. Im Jahr 1804 erwarb er von Adolph Deutz das stattliche Haus Herengracht 502. Heute beinhaltet das Haus Herengracht 502 die Stadtwohnung des Amsterdamer Bürgermeisters.