Nachdem Kurfürst Johann Wilhelm am 8.August 1702 den Oberbarmer Reformierten das freie Religions- Exercitium (das Recht auf Gemeinde-Bildung gewährt hat musste nun nach dem Tode von Rektor Martius zu einer Prediger - Wahl geschritten werden. Weshalb man hier nicht auf Prediger Lange, der ja interimistisch das Amt verwaltete, reflektierte, ist nicht ersichtlich. Aus den erhaltenen Akten ersehen wir, dass man Conrad Gülcher in Haan, Peter Cuppelstein in Heinsberg und W. Hilger in Herchen zu Wahlpredigten, durch folgende Mitteilung aufforderte:

Nachdem es dem allmächtigen Gott gefällig gewesen, nach seinem unwandelbaren Rate unseren zum Predigen gebrauchten Candidaten S.S. theol. Herrn Phil. Jac. Martuis aus dieser Zeitlichkeit in die ewige Freude und Herrlichkeit zu versetzen, und nunmehr man darum sich befleißigen wird, zur Wahl eines Predigers zu schreiten, zuvor aber die Ehrw. Consistorium allhie Ew. WolEhrw. Gerne hören wollten. Sollte nun Ew WolEhrw. Sich dahin bequemen wollen, so müßten dieselben sich belieben lassen, den künftigen Samstag hierselbst auf der Gemarke zu erscheinen und folgenden Sonntag zweimal als nemlich vor und nachmittags zu predigen, und das logiment bei Herrn Alberto Wuppermann vorlieb nehmen, welchen negst unter Empfehlung getreuer Obhut Gottes und Erwartung unfehlbarer Antwort sein und verbleiben

Gemarke den Jannuari 1703.

 

Conrad Gülcher antwortete:

Würdige Wohlachtbare

Und sonders hochgeehrte Herren!

Demnach von dem aus E.E. Abgegangenen ersehen wie es dem Fürsten des Lebens nach seinem unwandelbaren Willen gefällig beliebet ihnen den treufleißigen Diener seines Evangelii wohl berühmten Herrn Martius aus dem so lang anhaltenden Trübsalen zu entrücken, und aus diesem Jammerthal in den ewigen Freudensaal zu versetzen: und hie demnächst entschlossen, unter der anwaltenen Direction mit einer Wahl eines anderen die von wohlgemeldeten erledigte Stelle zu ersetzen worauf ein Ehrw. Consistor. Mich zuvorn zu hören belieben geruhen, als erhalten darauf dienstschuldig zur Antwort, daß hierinnen ihrem Begehren zu willfahren mich unvorbeigänglich verpflichtet befinde, um nemlich dem Herrn mit dem gar geringen von ihm mir gnädigst anvertrauten Pfunde bei Oeffnung einer Thüre zu seiner Ehren zu wuchern. Sage demzufolge hiemit unfehlbar zu, sofern der Höchste wird Leben und Kräfte gönnen, am beliebten Termine mich einzufinden um unter Gottes Segen dero Begehrtes zu exequiren, als der ich in herzlicher Anwünschung alles Heils und Segens stets hin verharre

Ihr E.E. meiner hochachtbaren Herren

Dienstgeflissener

Conrad Gülcher

Haan 1703 d. 2. Jan.

 

Wilhelm Hilger erklärte sich ebenfalls bereit, die Probepredigt zu halten, Cuppelstein aber bedauerte, nicht erscheinen zu können, da er zum Garnisonsprediger nach Köln berufen worden war.

Sonntag den 11. Februar 1703 wurde durch Prediger Lange die Wahl für Dienstag den 13. Februar in folgender Weise angekündigt:

Weilen man negstkünftigen Dienstag zur Wahl eines neuen Predigers an diesem Orte unter Gottes Beistand fortschreiten will, als werden alle Evangelisch Reformierte in dem Ober Barmen wirklich wohnende Hausvätter, wie nicht weniger anstatt der vorhandenen Wittiben, der Sohn oder der Eidam fleißigst erinnert, daß sie solcher freie Wahl unfehlbar beiwohnen, und sich an besagtem Tage 9 Uhr morgens in der zu solchem Ende zu halten stehende Wahlpredigt unausbleiblich einfinden wollen. Welche aber etwa Krankheit oder anderer unvermeidlicher Ursachen halber zu erscheinen nicht vermögten, selbige können ihre vota oder Stimmen schriftlich und zwar wohlverschlossen einsenden, oder wenigstens durch einen ihrer ganz  vertrauten Freunde oder Nachbarn beibringen und geben lassen, wie imgleichen die hieselbst im Oberbarmen nicht wohnenden Eingesessenen reformierten Eigenthümer durch ihre Pächter stimmen lassen können.

 

Den 13. November [Februar] erschien der Inspektor der Elberfelder Klasse Pastor Austen von Elberfeld mit dem Assessor Peter Halfmann, um auf der Gemarke die erste Wahlpredigt abzuhalten. Nach der Wahlpredigt und Gebet fand die Wahl in der am Sonntag vorher angekündigten Weise statt, und wurde Conrad Gülcher von Haan zum ersten Pastor der Gemeinde erwählt.

Nachdem an den 3 folgenden Sonntagen die Wahl ordnungsgemäß proklamiert war, wurde demselben folgender Beruf durch Albert Wuppermann und Heinr. Wilh. Teschemacher überbracht:

Kund und zu wissen sei hiermit jedermänniglich, vornehmlich dem daran gelegen, daß, nachdem es dem allweisen Gott gefallen, das Herz unseres gnädigsten Landesfürsten dahin zu lenken, daß er uns Evangelisch Reformierte Eingesessene In Ober Barmen ein öffentliches freies exercitium, mit allem was dem anklebet gnädigst gestattet und zugelassen, wir zur Einführung und Fortsetzung desselben insonderheit dahin bedacht gewesen, daß wir ein tüchtiges und bequemes supjectum zu unserem ersten ordentlichen Lehrer und Seelenhirten erwählen und berufen möchten, der das was einem solchen anstehet, mit heiligem Eifer und unverdrossenem Fleiß verrichte. Zu solchem Ende sind alle Eingesessene unserer Religion den 13. Februar dieses Jahres nach verrichteter Wahlpredigt und inbrünstigem Gebet zusammen getreten und Moderat. D.D. Inspectore et Aßeßore Claßis Elberfeldensis die Wahl im Nahmen Gottes fortgesetzt, da denn per majora der würdige und wohl gelehrte Herr Con. Gülcher S.S. Ministeris Candidatus erwählet und proclamiret worden. Weil nun nach der, vermöge Kirchenordnung dreimal geschehener Proclamation nichts gegen seine Person eingewandt, als berufen wir hiemit aufs zierlichste und in der besetzten Form, wie es nur geschehen könnte und möge, Herrn Gülcher zu unserem ersten ordentlichen Prediger, Lehrer und Seelenhirten, in dem Vertrauen, daß er diesen göttlichen Beruf mit willigem Herzen annehmen werde.

Damit er aber wissen möge, was seines Amtes ist, als wird er der ihm von Gott anvertrauten Gemeinde mit 2 Predigten am Tage des Herrn, und einer Wochenpredigt, wie auch entlich Catechisiren, Ermahnen, Strafen, Dreuen, Trösten, Besuchen der Kranken und anderen Verrichtungen des reinen Gottesdienstes vorgehen und dieselbige nach den Gaben die ihm Gottes Güte verliehen erbauen. Dagegen soll er jährlich außer dem Accidentalien, welche von Taufen, Proclamiren, Copuliren, Leichenpredigten und sonsten abfallenden Einhundert Reichstaler, zu achtzig Albus cölnisch Gehalt, welch wir aus eigenen Mitteln sammeln und sonst beischaffen werden, geniessen und zwar, bis dahin uns Gott durch vorhabende Collectation an statt dessen so viel Renten geben und verleihen wird, Herr Gülcher unterdessen und während seiner Abwesenheit eine andere qualifizierte Person um den Gottesdienst zu vertreten, anschaffen und befriedigen helfen.

Der Herr lenke nun das Herz des Herrn Gülchers zu einer geschwinden resolution und baldigen Antretung seines Dienstes mit vollem Segen, welches die Gemeinde mit uns herzlich wünschet.

Zu mehren Urkund haben dieses Kirchmeistern nomine consistorii et religiosorum unterschrieben, und mit Claßical Insiegel befestigen lassen.

Geschehen auf der Gemarke 1703 den 8. Marti.

Andreas Austen

P. Wichelhausen zur Scheuren Kirchenmeister

W. Panne, zeitlicher Kirchenmeister in dem Oberbarmen.

 

So konnte nun die Gemeinde ihren ersten Pastor empfangen. Am 20. März 1703 fand im Schulhause zu Gemarke seine Ordination statt, wobei nach den Angaben in der Kirchenmeisterrechnung von Peter Wichelhausen 8 Prediger zugegen waren. Seiner Eintrittspredigt lag Jerem. 1, 4-8 zu Grunde: “Und des Herrn Wort geschahe zu mir, und sprach: Ich kannte dich, ehe denn ich dich im Mutterleibe bereitet, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und stellte dich zum Propheten unter die Völker. Ich aber sprach: Ach Herr, Herr , ich tauge nicht zu predigen, denn ich bin zu jung. Derr Herr aber sprach zu mir: sage nicht, ich bin zu jung; sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende und predigen, was ich dich heiße. Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir, und will dich erretten, spricht der Herr.”

     

Wir bedauern sehr. über den früheren Lebensgang von Pastor Gülcher keine Angaben erlangt zu haben. Wir wissen wir auch nichts über seine wissenschaftliche Ausbildung, welche Schulen und welche Universität er besuchte. Nach seinem späteren Auftreten zu urteilen, war er ein Mann von großem Fleiß, dem Energie nicht fehlte, und der einen guten Fonds wissenschaftlicher Kenntnisse besaß. Leider wissen wir nichts über Originalunterlagen und Reiseberichte aus dieser Zeit. Es existiert lediglich Sekundärliteratur. Originale müssen im zweiten Weltkrieg im Gemarker Archiv verbrannt sein.

Am 6. April fand die erste Sitzung des Konsistoriums statt. Das Protokollbuch berichtet darüber:

Anno 1703 den 6. April ist von mir Conrad Gülcher erstberufenem ordentlichem Prediger Consistorium ordinarium zum ersten Mal gehalten worden.

§ 1.  Diese Handlung wurde im Namen des Herrn mit einem Gebet zu Gott angefangen.

§ 2. Da dann zugegen gewesen die von dem Herrn Inspectore Austen vor verzeichnetenordentlich  erwählten Consistorialen, ausgenommen Johann Winand Panne der wegen Leibesschwachheit sich  entschuldiget.

§ 3. Zu erste ist rathsam und nöthig erachtet, damit alles nach Pauli Ermahnung ehrlich und ordentlich  zugehen möchte, einige hinten an verzeichneten Gesetze sich sämmtlich zu unterschreiben, gleich  dieses als billig und geziemend von Hr. Inspektor Austen vorausgesetzt.

§ 4. Demnach auf Umfrage von einem Kirchensiegel, welches bis dato gemantelt, hat Peter Wichelhaus ein solches mit ehestem anzuschaffen von beliebter Figur auf sich genommen.

§ 5. Gleichfalls ist selbigem wegen benöthigten Vorschreiben bei vorhabender Collectation, über eine  solche aus zu sein aufgetragen.

§ 6. Und weilen ordentlicher Prediger zur Collectation ausreifen, als hat man einen accord so im Original  beiliegt mit Herrn Lange durch sämtliche Unterschriften ratificiret, von wegen des interim Dienstes,  wobei man ihm auch lateinische Schule aufzuhalten zuerkannt.

§ 7. Welchen nächst auch Prediger und Consistoriales über Befriedigung der Hr. Lange, von wegen der  Vertretung seines Dienstes in Pastoris Abwesenheit, sich dergestalt vereinbaret, daß da 30 Rthlr. Dem  Hr. Lange für seinen interims Dienst versprochen, dem Prediger darob 10 und dem Consistorio 20  sollen zu zahlen sein. Das Haus läßt Prediger Lange beziehen bis nach abgeschlossener Reise, nachher  aber behält Prediger ihme vor die ihm aßignirte Wohnung selber und unwiedersprechlich zu beziehen.

§ 8. Und weilen Prediger in etwa difficultiret von wegen dessen was collectiret werden soll als hat man ihm  einhellig Versicherung gethan, auß der Collecte nicht allein die versprochenen hundert Reichsthaler  zu erlegen, sondern auch, so dieselbe mehr einbringen würde, daraus sein Gehalt gebührlich zu  verbessern.

§ 9. Es ist auch sämtliches Gutfinden, anfangs anstatt der Wochenpredigt eine Catechisation zu halten.

§ 10. Dem Küster sind für ein Kind, daß zur Taufe anzuschreiben, 5 Stüber zuerkannt, fürs Läuten bei einer  Leiche ein Schilling, bei begehrten Proclamation ein Reichsort.

§ 11. Jedem Totengräber für eine Hauptleiche 10 Stüber, für ein Kind ein Schilling.

§ 13. Nach diesem allen hat man auch wieder mit dem Gebet zu Gott geschlossen.

 

In der am 17. Mai abgehaltenen 2. Sitzung konnte das nach Pastor Gülchers Angaben verfertigte Kirchensiegel vorgelegt werden. Es zeigt in der Mitte ein Schiff (Die Kirche), welches seinen Anker in den Felsen (Jesus Christus) befestigt hat, und trägt die Umschrift: Hac nitor immota (Hierauf stütze (gründe) ich mich unbeweglich). Der äußere Rand trägt den Titel: Sigill. Eccles Reform. Gemark 1702. (Siegel der reformierten Gemeinde Gemarke 1702). Die Anfertigung dieses Siegels wurde mit 50 Stüber bezahlt. Das Siegel ist bis heute das Siegel der Gemeinde geblieben.

 

 

Wie aus dem ersten, so sehen wir auch aus den folgenden Konsistorial - Protokollen, mit welchem Eifer Pastor Gülcher in der Organisation der neuen Gemeinde vorging. Namentlich aber lag es ihm und den Gemeindevertretern sehr auf dem Herzen, den finanziellen Bestand der Gemeinde sicherzustellen. So fehlt denn bei keiner Sitzung die Beratung über die Kollekten. Wir lesen, wie alsbald Deputierte aus dem Konsistorium zunächst in der Umgegend: Cronenberg, Langenberg, Reviges, Elberfeld, Düsseldorf kollektierten, und wie diese Hausbesuche in verschiedenen Orten nach “christbeweglicher Fürsprache von der Kanzel” gemacht wurden.

Zu der am 24.-26. April abgehaltenen Synode wurde neben Pastor Gülcher der Aelteste Wilh. Teschemacher deputiert. Hier wurde die Gemeinde als ein Glied der reformierten Bergischen Synode aufgenommen. Auf der am 13. August versammelten Elberfelder Klasse erschienen darauf zum ersten Mal als Deputierte von Gemarke Pastor Gülcher und der Kirchenmeister Peter Wichelhausen.

Als ein Beweis ihrer Liebe zur Gemeinde schenkten Peter Wichelhausen und Engel Beckmann alle ihre für die Erlangung des freien Religions - Exercitiums gehabten Unkosten, die namentlich bei Peter Wichelhausen sehr bedeutend waren. Von den ersten Liebesgabe sein erwähnt, dass die Junggesellen die Bibel und Abendmahlstisch, und 1704 die abgestandenen und stehenden Konsistorialen das Konsistorial - Gestühl, welches für Rthl. 22 an Engel Beckmann auf Wichlinghausen verdungen, schenkten.

Im Mai 1704 fand dann auch die Regelung der Kirchhofsfrage darin ihren Abschluss, dass der hinter dem Schulhause zunächst gelegene Teil des Schulkämpchens von der Amtschule zunächst gegen eine jährlich an den Schulmeister d.h. den Schulmeister der Amtschule zu zahlende Pacht von 1 Rthl. überlassen wurde.

Wie schon erwähnt, bildeten die Beratungen über die Beschaffung der Mittel zum dauernden Bestand der Gemeinde in den ersten Jahren einen nie fehlenden Teil der Sitzungen des Konstistoriums. Wir gewinnen dadurch und durch die erhalten gebliebenen Kollektenbücher und Abrechnungen über die Kollektenreisen ein sehr anschauliches Bild über die Thätigkeit, welche Pastor Gülcher und die Mitglieder des Kosistoriums entfalteten, um zum Ziele zu gelangen. Gleich bei der Aufnahme der Gemeinde als Mitglied der Bergischen Synode am 28. April 1703 hatte man um “ein Fürschreiben”, eine Empfehlung zu einer allgemeinen Kollekte gebeten, und folgendes Empfehlungsschreiben erhalten:

Wir Prediger und Eltesten der sämmtlichen Evangelischen Reformierten Kirchen des Herzogthums Berg in unserem Provinzial Synode versamblet, thun kund und bezeugen hiemit, nachdem unsere Glaubens Mitgenossen im Ober Barmen Amts Beyenburg in der Gegend Elberfeld und Schwelm, wegen der weit entlegenen Kirchen von alters her dahin bedacht gewesen, welcher Maßen bey ihnen auf der Gemarcken das Exercitium publicum Religionis angerichtet werden könnte, und des Endts neben ihren hergebrachten Schulen öffentliche Catechisationes und Nachmittags - Predigten, auch gar vor etlichen Jahren, mit gnädigster Landesfürstlicher Conceßion Vormittag - Predigten eingeführet, zuletzt aber durch besondere gute Hand Gottes alsolches Exercitium publicum Reformatae Religionis cum annexis einhalt beyliegenden gnädigsten Patents von Sr. Churfürstl. Dchld. Zu Pfalz unseres gnädigsten Landes Herrn introducieren und üben zu mögen begnädigt worden, und dann obbesagte zwaren zahlreichs, jedoch mehrentheils sonderlich zu gegenwärtigen Handel und Nahrlosen Zeiten unvermögender Gemeinde zur Gemarke,nach angelegtem schweren Proceß und Schul – Baukosten, Erhaltung der Praeceptoren und Candidaten, nicht in einigem Stand sich befunden, aus eigenen Mitteln einen absonderlichen Prediger nothdürftig zu salairiren, und absolcher Churfürstl. Hohen Begnadigung zu gaudiren, daß wir zur Anhülf und Standsetzung dieser neugepflanzten Kirchen nicht allein derselben eine allgemeine – öffentliche Kirchen – Collecte bei den Gemeinen dieses Herzogthums verordnet, und angelegt, sondern auch, da dieselbe bei gegenwärtiger Zeit und schwerer Belästigung sich selbst meistentheils nür kümmerlich und deren unterschiedliche nicht ohne ausländischer Zusteuer erhalten können, unumgänglicher Noth halber bei auswärtigen Glaubens Mitgenossen eine Christliche Hülfssteuer zu bitten verwilligen müssen, der Christlichen Zuversicht, es werden dieser vier Fürstenthümer Synoden, nach dem Band der kirchlichen Union, uns zu Festsetzung dieses neu aufgerichteten Leuchters brüderliche Hand bieten, außwärtige Mitgenossen unseres theuren Glaubens, sonderlich in Hoch- und Niederdeutschland, auch Schweiz und anderen Königreichen, Herzogthümben, Provincien, Statt und Länderen etc. absonders so da jederzeit den dürfftigen Gemeinen der Herzogthümbe Gülich und Berg zu Erhaltung ihrer Prediger Christ. Miltiglich unter die Armen gegriffen, werden nach dero unerschöfte Liebe uns die Kühnheit nicht verübelen, daß wir mit diesem unserem interceßorial Bittschreiben für unsere Mit – Einverleibte Gemarker Gemeine umb eine Liebescollecte anklopfen dörffen. Dieselbe hat sich albereits über vermögen und zu jedermanns Verwunderung selbst angegriffen, nunmehr auch einen eigenen Prediger berufen und eingeführet. Die Anpflanzung und Bau dieses neuen Weinbergs giebt einen vortrefflichen Schein, daß dies Werk vom Herrn sei, und machet, daß wir mit Hindansetzung aller Blödigkeit keinen Entsicht getragen unser Christbewegliches Vorwant vor dieselbe einzulegen, bitter derwegen alle und jede Mitgenossen an der Gnaden unseres Herrn Jesu Christi durch Gemeinschafft der Heiligen zu thätlichen Liebe verbundene und vereinigte, offtgemelter Gemarker Gemeine, zur Erhaltung ihres Predigers und öffentlichen Gottesdienstes, nach der Mildigkeit ihres freudigen Herzen, eine christliche Liebessteuer zu erteilen, und sich im Herren zu versicheren, daß solche nicht allein vor anderen hoch Noth und nützlich angelegt seyn werde, sondern wir auch alle Vorsorge tragen wollen, daß die Einkommende Collecten vorsichtiglich und zu meisten Ehren des Allerhöchsten angelegt werden sollen. Denselben bittende, daß seine göttliche Güte diese brüderliche Wohlthätigkeit mit reichem Segen nach leib und Seele überschütten wolle. Geben Hückeswangen in unserer Synodal – Versamblung den 28. April 1703.

Jos. Steinberg, Prediger zu Wülfrath und

Synodi Montensis h.t. Praeses.

Petrus Melchiors, Prediger zu Düsseldorf

Et syn. Mont. h.t. Aßeßor

Godefridus Peil V.D.M. in Wermelskirchen und

h.t. Synodi Scriba.

 

Dieses Empfehlungsschreiben wurde außerdem in holländischer und in lateinischer Sprache ausgefertigt.

Außer dieser Empfehlung schreiben manche Prediger noch besondere Empfehlungen in das Kollektenbuch ein, von denen hier als Beispiel die von Kronenberg stehen mag:

Sinthemal dieser neu aufgerichteten Gemeinde Zustand mir genugsam bekannt, so habe nicht allein derselben nothdurft meine Gemeine recommandiret, diesen nachstbenachbarten Glaubensgenossen einige Beyhülfe, Krafft Gemeinschafft der Heiligen, zu diesem heiligen Zwecke zu thun, sondern auch anbey zu diesem Vorhaben noch hinzugetragen mit Anwünschung göttlichen Gnaden Segens 1 1/3 Rthlr.

Cronenberg im Herzogthum Berg, d. 9. Juli 1703.

Joh. Herm. Ovenius.

Eccl. Cronenberg. Pastor.

 

Wie es scheint, fanden so unsere Gemarker Deputierten offene Herzen und willige Geber. Von Bremen kamen Rthlr. 10, und die holländischen Synoden befürworteten und steuerten ebenfalls bei.

Um weitere Mittel zu erlangen, schien es wünschenswert, auch von dem Könige von Preußen ein Empfehlungsschreiben zu erhalten. Den 20. Juni 1706 wurde deshalb Pastor Gülcher und Wynand Panne nach Wesel deputiret, um bei Ihro Königl. Majestät von Preußen Schutz und gnädigste Beihülfe zu ersuchen. Weil aber der König nach Cleve verreist, so konnten sie nicht zu Audienz gelangen, worauf ihnen die Sache dem Pastor Melchioris zu Düsseldorf übergeben wurde, welcher dann berichtete, wie Herr von Danckelmann versichert hätte, wenn man hierüber ein Memorial zu dem Hofherr nach Berlin schicken würde, alsdann der begehrte Schutz angedeihen solle.

Die große Englische Kollekte:

Das Sinnen über Mittel und Wege, nicht allein einen festen Fonds für die Besoldung des Pastors, sondern auch die Mittel zum Bau einer Kirche zu erlangen, rief mit einem Male im Jahre 1706 den Gedanken wach, England, welches so manchen Glaubensgenossen Unterstützung gewährt, um eine Beisteuer zu bitten.

Der Organisation der Gemeinde nach den Grundsätzen der reformierten Kirche wendete Pastor Gülcher seine volle Aufmerksamkeit zu.

Am 2.Januar 1704 wurde der Beschluss gefasst, dass alle Jahr eine Halbscheid der Consistorialen abtrete.

Ueber die Glieder des Consistoriums wurde die Censura morum namentlich am Ende des Jahres gehalten. Wir lesen da: Censura morum ist gehalten und über einen jeden Bruder des Consistorii eine besondere Umfrage gehalten, ob ein jeder sich auch gemäß seinem Amte christgeziemend und erbaulich betragen. Da denn Keiner etwas vorbracht, worüber er wäre zu erinnern und zu bestrafen gewesen!

Demnach sind abgehende Consistorialen für ihre Dienste, in so ferne sie dieselben christgeziemend verwalted, bedanket worden, mit beigefügter brüderlicher Erinnerung, dass sie forthin in ihrem privaten Christenthum sich allenthin so möchten betragen, dass ihr Leben und Wandel ihren Nebenmenschen ein leuchtendes Vorbild sein möchte, welches von ihnen christwillig aufgenommen und unter gnädigem Beistand des Geistes Gottes angelobet worden.

Am 7.August 1704 wurde einmüthiglich beschlossen, dass Sonntags zu Zeit des Gottesdienstes einige aus dem Consistorium die Wirtshäuser sollen visitieren, um alle unchristliche Unordnung nach Vermögen zu wehren.- Es wurden dazu jedesmal 2 Glieder ermannt.

Vor der Zeit der Austheilung des heiligen Abendmahls gab der Pastor in der Sitzung des Consistoriums noch besonders ernste Ermahnungen. Wir lesen da:

“Und weil nächst bevorstehend ist die Zeit des heil. Abendmahls, so ermahnte der Prediger einen jeden zu heiliger Vorbereitung, dass man in Erkenntnis und Reue über alle Sünden, in heilbegierigem Verlangen nach der Gnade Gottes in Jesu Christo, mit Vertrauen auf Gottes theure Verheißung, wie auch mit einem ernsthaften und aufrichtigen Vorsatz alles sündliche Wesen von Herzen zu meiden und zu fliehen, und der Gnade des Evangelii würdiglich zu wandeln, aus seiner Hand die Zeichen und Siegel des neuen Testaments empfangen wolle.”

Auch über die Ausübung der Kirchenzucht finden sich in den Consistorial = Protokollen manche Zeugnisse.

Am 6.September 1705 wurde beschlossen, dass die Hausvisitationen von dem Prediger mit dem Aeltesten, ein jeder in seinem Bezirk, gemacht werden sollen.

Über die Beerdigungen fand am 1.November 1706 folgender Beschluss statt:

Dieweil man sämtlich sein Missfallen hat bezeugt über die Unordnung in der Zeit der Beerdigung der Todten, da der eine um 9, der andere um 10, der dritte um 11 Uhr lässt zur Leich bitten, wodurch öfter ein ganz unordentliches und verdrießliches Warten der Leichleute verursacht wird, als wird einhellig beschlossen, dass Prediger von der Kanzel möge publicieren, dass sämtliche Glieder der Gemeinde die Begräbnis der Todten auf 1 Uhr nachmittags anlegen mögen, damit die widerliche Unordnung in dem zur Leichgehen hierdurch mögen gehoben werden.

Mitten in diesem schönen Aufbau der Gemeinde und der segensreichen Wirksamkeit ihres ersten Pastors muss es uns befremden, wenn wir im Consistorial = Protokoll vom 7.Juli 1709 lesen:

Demnach Prediger durch des großen Gottes heil. Vorsehung einen Beruf nach der Gemeine zu Homberg erhalten, den er aus göttlicher gewissenhafter Bewegung Einfolge zu leisten sich genöthigt finde.

Ferner berichtet das Protokollbuch:

Hierauf hat Prediger am 21.Juli seine Abschiedspredigt gehalten aus Actor. (Apostelgesch..) 20, V. 32: “Und nun, liebe Brüder, ich befehle euch Gott, und dem Wort seiner Gnade, der da mächtig ist, euch zu erbauen, und zu geben das erbe, unter allen, die geheiligt werden.” Nach gehaltener Predigt dimißion Zeugnis gebeten, welches ihm zur völligen Genüge, von sämtlichen Herren Cosistorialen unterschrieben (ausgenommen Herr Albert Wuppermann, Kirchenmeister welcher außer Landes) in lebereicher Dankbezeugung übergeben worden, welchem nechst Prediger sich schuldigst bedanket für alle ihm erwiesene Ehre, Liebe und Freundschaft, dabei die Wache und Obsorge über die Gemeine treulichst recommandiret insbesondere mit aller Vorsichtigkeit nicht ohne herzliche Seufzer zu Gott daran zu sein, daß sie die erledigte Stelle einem von Gott gelehrten, gottseligen und erbaulichen Manne möchten auftragen, sodann mit solchem das Werk des Herrn fleißig, eifrig und aufrichtig treiben. Worauf Prediger den Herren Consistorialen und diese wiederum dem Prediger alle Gnade und Heil von dem gnadenseligen Gott anerwünschet und im Namen des Herrn mit Herz, Hand und Mund sich von einander verabschiedet.

Pastor Gülcher schloss das letzte Protokoll mit den Worten: Thue wohl Herr an Zion, durch deine Gnade und baue die Mauern zu Jerusalem. Conrad Gülcher allzeit treuwilliger Fürbitter in Gott. –

Mit großer Trauer sah die Gemeinde ihren lieben Pastor scheiden. Peter Eversten schrieb darüber an Johann Wilhelm Teschemacher nach London: Wir haben unterdessen unseren lieben Herrn Gülcher verloren, doch beiderseits mit zahrter Liebesempfindung und Thränen! Weil er nun die Frucht seiner Arbeit nicht genießen mag, so hat die Gemeinde für gehabte Mühe des Collectierens ihm doch Satisfaction gegeben.

Wenn auch das kleine Gehalt in Gemarke, nach allen Berichten, zum Unterhalt eines Predigers mit Familie nicht genügte, so war doch gerade beim Abschied von Pastor Gülcher, durch die in Aussicht stehenden weiteren bedeutenden englischen Collectengelder, der Augenblick nicht mehr fern, wo hierin eine Verbesserung eintrat. Pastor Gülcher kannte doch diese Verhältnisse, und so können wir uns die Gründe nicht erklären, welche ihn zur Annahme des Berufes nach Homberg im Bergischen bewogen.

In Gemarke hatte sich Pastor Gülcher mit Eva Catharina Garschagen vermählt. Ihnen wurde 1708 ein Sohn geboren, der spätere Pastor zu Mülheim am Rhein. Ueber die Taufe findet sich in dem Kirchenregister von Gemarke folgende Eintragung:

1708 den 23.Augustus ist getaufet worden von Herrn Meyer (Pastor der Reformierten Gemeinde Elberfeld) in der Kirchen (zu Gemarke) Conradus Theodorus Gülcher; seine Taufzeugen waren Herr Conrad Butz und Theodorus Gülcher sein Großvater, und Anna Maria Catharina Holtmanns seiner Mutter Schwester.

In Homberg blieb Conrad Gülcher nur 2 Jahre. 1711 wurde er nach Duisburg berufen. Er nahm diesen Ruf an und wirkte bis zu seinem Tode in reichem Segen. Am 26.März 1714 Nachmittags um 3 Uhr wurde er in der Salvatorkirche beigesetzt.